Der Stahlhelm – Ein Symbol auf dem Kopf


Es wäre nicht so, dass ich über irgendeine persönliche Erfahrung mit dem zu untersuchenden Gegenstand – dem Stahlhelm – verfüge. Auch nicht mit den weniger markanten Nachfolgemodellen, es war vielmehr knapp zehn (lange) Jahre an einem Samstag im Monat der gelbe Plastikhelm des Technischen Hilfswerks, der mich vor nicht eingetretenen Gefahren hätte schützen sollen. Und um es gleich abzurunden: es fehlt auch jede kulturhistorische oder militär-theoretische Expertise. Es muss also das Empirische dringend dem Phänomenologischen weichen! Und dabei ist diese Distanz wiederum recht hilfreich. Denn, so sagt Flusser pointiert: »Dinge so anzusehen, als sähe man sie zum erstenmal, ist eine Methode, um an ihnen bisher unbeobachtete Aspekte zu entdecken«. Gleichwohl muss man sie natürlich auch – trotzdem, deswegen und erst recht – kennen. Man muss erst etwas wissen, um es vergessen zu können. Da man bei allen Forschungen über die Visualität von Staat und Partei(en) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kaum um das Bild des Deutschen Stahlhelms vorbei kommt, kennt man sich eben doch in einem gewissen Maß. Machen wir also den Versuch, uns unbedarft einem irgendwie allzu bekannten Objekt zu nähern. Ohne eine Chronologie der Modelle zu bieten und auf die Grammzahlen seines Gewichts zu blicken.

Im weitesten Sinn haben wir es hier mit einer Art »Schutzkleidung« zu tun. Eine, die ob ihrer Materialität bereits den Kontext recht stark eingrenzt: der ist nicht die Baustelle oder das Labor, sondern der Kampf, der Krieg. Und eine, die ihren Mitteleinsatz durch den Schutz eines gleichermaßen empfindlichen wie auch elementaren und exponierten Körperteils durchaus rechtfertigt. Jetzt ist Krieg keine eben private Angelegenheit, sondern eine des Staates, eine der Nation. Und die erfordert nicht nur visuelle Differenz im Felde, um beispielsweise einem »friendly fire« zu entgehen, sondern auch eine der Selbst-Repräsentation. Etwas, das sich im Grunde beim National-Trikot von Fußballspielern bis heute erhalten hat – und freilich auch bei der (relativ) friedlichen Bundeswehr. Die im Rahmen und Raume der Demokratie diesen einen Helm ablegen musste, um einen unverdächtigeren zu bekommen. Einen, dessen Symbolik gewissermaßen gerade in der Diskontinuität liegt.

Der Helm, wie erwähnt zwangsläufig an prominenter Stelle getragen, hat einen starken Aufmerksamkeitswert. Ich glaube mich noch daran zu erinnern, wie wir als Kinder mit den bekannten kleinen Plastiksoldaten (oder waren es doch Indianer?) spielten und der Helm, plus die recht beliebige Farbe der Figur selbst natürlich, zur entsprechenden nationalen Verortung diente. Die Engländer mit ihrem flachen, eher an einen Hut erinnernden Modell, die Amerikaner mit einem, der an einen Motorradhelm (von Roller-Fahrern) denken lässt. Und eben die Deutschen mit ihrem markanten »M40« – plus, das nur am Rande erwähnt, der ebenfalls sehr spezifischen Stielhandgranate. Der Helm also fungiert(e), und nicht nur dort, als eine Art Signet, war im Grunde emblematisch. Die Frage, die sich aufdrängt ist: Wie entwickelt sich so etwas? Gemeinhin würde man ja denken, gerade bei einer Frage des Kopfschutzes seien rein technische Aspekte die einzig entscheidenden. Vielleicht noch die Kosten, aber alles andere ist wirklich nachrangig. Doch mischten sich mindestens für die Nationalsozialisten (und vermutlich nicht unähnlich in anderen Ländern) schnell formale Überlegungen ein und die der Tradition – man kennt es aus allen Bereichen, aus denen sie das jeweils passende für sich übernommen haben. Das ging vom Hakenkreuz als antisemitisches Zeichen der Völkischen Bewegung bis hin zur Farbe, die eigentlich ja vom politischen Feind bereits eindeutig besetzt und besessen war. Und so war es wichtig, auch eine Kontinuität zum Ersten Weltkrieg herzustellen, auch wenn der verloren wurde. Doch das »Wie«! Die tapferen Soldaten wurden schließlich nicht im Felde besiegt, sondern von feigen Politikern, weshalb es nur recht und billig war, dass sie sich wieder holten, was ihnen zusteht. Die Soldaten sollten die Ehre Deutschlands wiederherstellen – der Stahlhelm war dabei ein wichtiges Zeichen. So kann man sich seine Version der Geschichte zusammenstellen. Leider wurde diese gerne und von (zu) vielen geglaubt.

Doch nochmals der Schritt zurück, zum Blick auf dieses »Objekt«. Man kommt dabei nicht umhin, sich gewahr zu werden, dass es auch andere Helme gibt. Dass es diese schon vorher, früher und für ähnliche Zwecke gab. Die Grundform überrascht also nicht, wie auch die Idee selbst, einen »Helm aus Stahl« zu machen, der im Kampf schützt. Dabei ist ebenso klar, dass der hintere Teil des Kopfes leichter zu schützen ist als der Vordere – man muss trotz allem Schutz eben auch sehen und kommunizieren können etc. Die Frage ist also eher und eingeschränkt, wie weit kann ein Helm nach vorne in die Stirn reichen und wie weit reicht er in den Nacken. Innerhalb dieser grundlegenden Anforderungen und Limitierungen besteht die gestalterische Freiheit. Und die nutzten Franzosen eben anders als Engländer oder Amerikaner. Den deutschen Helm kennzeichnen, da muss man weder Designer noch Soldat sein, das stark nach vorne gezogene »Schild« und der schräg ausgestellte untere Rand. Beides geht ohne Bruch oder formale Störung ineinander über. Wobei die formal homogene und organische Gestaltung durchaus funktionale Schwächen hatte. Das überrascht beinahe, strahlt es doch eine solche in sich stimmige formal-funktionale Einheit aus. Das Hörvermögen beispielsweise wurde eingeschränkt, in Panzer und Flugzeug war er zu ausladend, weshalb man dafür Sonderversionen ableitete und die Bedienung von optischen Geräten war schwierig. Interessant ist die Abschrägung aber auch aus anderer Perspektive, aus der sie das Markante, aber auch scheinbar so Stabile, Starke gewinnt: Die Wehrarchitektur war über Jahrhunderte hinweg die jeweilige, entsprechende Reaktion auf die Weiterentwicklung der Waffentechnik. Von den ersten Palisaden über die Burgen bis hin zu den Festungen im (frühen) 19. Jahrhundert. Die immer stärkere Artillerie erforderte eine andere »Mauergestaltung« – so kamen die abgeschrägten Bastionen auf, über deren Schräge einem Geschoss sehr viel seiner Wucht genommen wurde. Nochmals auf den Anfang zurück kommend, seien die Überlegungen kurz kommentiert; wer eine Typologie und einen exakten Überblick möchte, welcher Helm wann genau produziert wurde, ist mit Wikipedia & Co. besser bedient. Überhaupt ging es hier weder um technische Daten noch um Absorbtionsleistungen von Metallen oder die Vorläufer im Mittelalter. Denn betrachtet man den Helm auf diese Weise, also quasi tabellarisch, verliert sich gerade das »Phänomen« Stahlhelm. Und der ist eben mehr als ein Kilogramm Stahl. Ein Zeichen, ein Symbol ist er erst recht und in fast atemberaubender Deutlichkeit bei zwei »elementaren« Lebenssituationen: dem Tod, wo der Helm, im Felde beim eilig in feindlicher Erde begrabenen Kameraden an ein improvisiertes Kreuz aus Ästen oder Leisten gehängt wird. Der Helm, das, was bleibt. Nicht weniger bedrückend aber auch bei der Hochzeit mit dem nicht anwesenden Bräutigam – den ersetzte ein Stahlhelm auf dem Stuhl bei der (Fern)Trauung im Standesamt. Nationales Symbol und persönlicher Repräsentant in einem.

Was den Untersuchungsgegenstand angeht, so fällt noch eine Kleinigkeit auf, die in der Wirkung nicht zu unterschätzen ist: die Lüftungsbolzen. Dieses auf jeder Seite abstehende runde Element (neben den Nieten und Aufnahmen für Visiere) würde Roland Barthes auf den Fotos womöglich als »Punctum« bezeichnen. Es erinnert vielleicht auch an die Schraube am Kopf oder Hals von Frankensteins Monster. Kaum zu beschreiben ist die Wirkung dieser kleinen Elemente, die irgendwo zwischen archaisch und grob, roboterhaft und technisch-mechanistisch anmuten. Bemerkenswert ist beim deutschen Stahlhelm auch, wie markant und, man muss sich wiederholen, emblematisch seine Form ist, dass seine Farbe (formal) fast nebensächlich wird. Ob ocker-beige für die Wüste, weiß-grau fürs Gebirge, blau, olivgrün oder sogar mit Camouflage versehen. Wie ikonografisch »unser Objekt« ist, zeigt sich in mindestens zwei Richtungen: So wäre der »M45« eigentlich der nächste Schritt in der Entwicklung gewesen. Wie das daraus ableitbare Datum zeigt, darf man vermuten, es gab andere und größere Probleme! Doch unabhängig davon stoppte Hitler dieses Projekt, dem dieser Helm – gestalterisch – zu weit ging. Die Verbindung zur alten Reichswehr, zum Stahlhelm der Frontkämpfer wäre gerissen. Dass die Zeichenhaftigkeit des Helmes nicht nur weit ging, sondern oft auch als Zeichen selbst verwendet wurde, ist hinlänglich bekannt. Von den weithin bekannten Plakaten zur Bewerbung von Kriegsanleihen im Ersten Weltkrieg bis hin zu entsprechenden Drucksachen der 1940er Jahre. Und viele kennen sicherlich auch einige der Arbeiten des so großartigen wie bei der Wahl der Kunden gänzlich unkritischen Plakatkünstlers Ludwig Hohlwein, der den Stahlhelm prominent auf Rekrutierungsplakaten der Bayerischen Reichswehr, Karten für Gefallenen-Gedenkfeiern oder dem bekannten Plakat »Luftschutz« verwendete. Erst recht natürlich bei den Medien des »Bund der Frontsoldaten« – namens »Stahlhelm«.

Ja und die andere Richtung reicht bis in die Gegenwart. Was zeigt Quentin Tarantino bei seinem (fragwürdig bis unsäglichen) Film »Inglorious Bastards« – der im Grunde eh nur von einem, ausgerechnet auch noch österreichischen Schauspieler lebt – auf seinem Plakat: einen Baseball-Schläger, an dem ein lädierter Stahlhelm hängt. Mit dem Wehrmachtsadler, den es schon gar nicht mehr bräuchte, so deutlich sagt der Helm, was zu sagen ist. So zufällig wie glücklich entfernt ein Einschussloch das Hakenkreuz in den Fängen des Adlers, womit dem bundesdeutschen Verfassungsschutz auch genüge getan wurde. Insofern ist nur klar, dass die neue, demokratische Bundeswehr einen anderen Kopfschutz brauchte. Wobei dieser mittlerweile irgendwie auch immer etwas antiquiert und aus der Zeit gefallen scheint – im Zeitalter von Drohnen, Nuklearwaffen und Hochpräzisions(fern)waffen. Gut, dass heute Kameras, Mikrophone und noch allerhand anderes Technisches am Helm montiert sind und ihn so ein Stück weit mit ins heute nehmen. Mit all der Ausrüstung wird der Helm als ganzes zu einer Art »persönlichen Einsatzzentrale«. Das also kommt heraus, wenn ein Designer und Ersatzdienstleistender über militärische Dinge schreibt.

____

Andreas Koop, 16. August 2016